Das Sanatorium, dieser sagenumwobene Ort, in dem Leben und Tod nahe beieinander liegen, in dem die Bewohnenden gleichzeitig ihre kranken Körper pflegen und den Geist in höhere Sphären wandern lassen, bildet einen eigenen Topos in der Literatur. Der beeindruckendste und einflussreichste Roman, der unser Bild von Sanatorien am nachhaltigsten geprägt hat, ist ohne Zweifel Thomas Manns «Zauberberg». In diesem monumentalen Werk entwickelt der Autor ein Panorama der Welt vor dem Ersten Weltkrieg, in dem die ProtagonistInnen sich über die entscheidenden philosophischen Fragen ihrer Zeit austauschen – nicht ohne die mehrgängigen Essen im Berghof zu geniessen. GermanistInnen beschäftigen sich bis heute damit, die in dem Roman enthaltenen Motive – vom Zeitsinn, über die Bildwissenschaft bis hin zur Musik – zu dechiffrieren und mit ihren theoretischen Hintergründen zu erfassen.
Der ursprüngliche Bestimmungszweck der Sanatorien war indes weit profaner. Nach einer Lexikondefinition von 1897 sollten in ihnen «unter Benutzung klimatischer oder balneologischer Vorteile Schwächliche, Genesende und chronisch Kranke gebessert, gekräftigt und geheilt werden». Zu diesem Zweck entstanden ab Mitte des 19. Jahrhunderts eine Vielzahl von Einrichtungen, in denen der medizinische Versorgungsgrad unterschiedlich stark ausgeprägt war. Das Spektrum reichte von hotelähnlichen Etablissements, die denen Gästen häufig nach lebensreformerischen Grundsätzen eine Kur angeboten wurde, bis hin zu Lungensanatorien, die in der Literatur am meisten Aufmerksamkeit erhielten. Letztere waren besonders deshalb nötig, weil für die Tuberkulose noch keine spezifischen Therapeutika existierte. Auch die chirurgischen Möglichkeiten waren beschränkt; den Ärzten fehlten wichtige Mittel, um die Krankheit nachhaltig klinisch zu heilen. Am ehesten war Heilung nach Ansicht der medizinischen Lehrmeinung durch die ganze Lebensführung umfassende Kurmethode zu erreichen. Um die Kontrolle der PatientInnen sicherzustellen, wurden daher geschlossene Anstalten erbaut. Typischerweise lagen sie an touristisch gut erschlossenen Orten mit einem «Heilklima», so wie in Görberstorf in Schlesien (heute Sokołowsko), wo Hermann Brehmer 1854 die erste Lungenheilanstalt im deutschen Sprachraum eröffnete. In der Schweiz wurde die medizinische Heilkraft des Hochgebirgsklimas entdeckt und in zahlreichen Werbeschriften popularisiert. Die Blüte des Kurortwesens setzte ein. Hier tat sich besonders Davos hervor, das ab 1860 von Tuberkulosekranken aufgesucht wurde. Am gleichen Ort gründete Konsul Hermann Burchard 1902 die Stiftung «Deutsche Heilstätte», die auch minderbemittelten Tuberkulosekranken einen Aufenthalt in den Bergen ermöglichen sollte.
Da jedoch manche Gäste die Höhe in Davos nicht ertrugen, hielt die Stiftung nach einem anderen Ort in der Schweiz Ausschau, um einen Ableger zu gründen. In Agra an der Collina d’Oro in der Nähe von Lugano, einem Ort mit hervorragenden klimatischen Bedingungen und den meisten Sonnenstunden in der Schweiz (so bewies eine eigens angefertigte Studie), fand sie ein Grundstück. Nach Plänen des Zürcher Architekten Edwin Wipf liess sie 1915-1918 einen Rundbau errichten, der für damalige Verhältnisse äusserst modern war: Jedes Zimmer hatte eine eigene Dusche oder ein eigenes Bad, was deutlich über dem sonst üblichen Standard lag.
Im «Deutschen Haus» waren PatientInnen untergebracht, die zumeist unheilbar tuberkulosekrank waren. Sie blieben oftmals jahrelang in Agra, gepflegt von deutschen Ärzten und Krankenschwestern. Der Tod war im Sanatorium allgegenwärtig, darüber konnten auch die positiven Statistiken, die in der Patientenzeitschrift «Terrasse» abgedruckt waren, nicht hinwegtäuschen. Denn bei den 88%, die sie als «gebessert» zurückgeschickt wurden, wurden auch die hoffnungslosen Fälle gezählt, welche bald darauf starben. Trotz dieser allgegenwärtigen Anwesenheit des Todes, wovon auch die zahleichen Gräber von PatientInnen auf dem Friedhof in Agra zeugen, ist in den offiziellen Schriften des Sanatoriums wenig zu lesen. Er taucht in der «Terrasse», in der häufig die humoristischen Inhalte überwogen, kaum je auf. Auch im «Zauberberg» erläutert Joachim seinem Vetter Hans Castorp die Beiläufigkeit des Todes, mit dem man im Lungensanatorium konfrontiert war: «‹Gott›, sagte er, ‹sie sind so frei… Ich meine, es sind ja junge Leute, und die Zeit spielt keine Rolle für sie, und dann sterben sie womöglich. Warum sollen sie da ernste Gesichter schneiden. Ich denke manchmal: Krankheit und Sterben sind eigentlich nicht ernst, sie sind mehr so eine Art Bummelei, Ernst gibt es genaugenommen nur im Leben da unten. Ich glaube, dass du das mit der Zeit schon verstehen wirst, wenn du erst länger hier oben bist.›»
In ihrem einflussreichen Essay «Krankheit als Metapher» hat sich Susan Sontag mit zahlreichen Phantasien und Mythen, die sich um Krankheiten wie die Tuberkulose rankten, auseinandergesetzt. Sie stellt dar, wie in der zeitgenössischen Literatur die Tuberkulösen als Role Models für KünstlerInnen herhalten mussten: Mit der Vergeistigung des Lebens, welche die strenge Liegekur der Tuberkulosekranken einfordere, sei der Wunsch für einer individuellen Existenz jenseits aller bürgerlichen Zwänge verbunden. «Die Romantiker erfanden das Kranksein als Vorwand für Müssiggang und die Entledigung von bürgerlichen Verpflichtung zugunsten eines ausschliesslich der Kunst gewidmeten Lebens. Es ist ein Weg, sich von der Welt zurückzuziehen, ohne für diese Entscheidung die Verantwortung übernehmen zu müssen – die Geschichte vom Zauberberg.» Wie wirkungsmächtig diese Klischees sind, wie sehr Sanatorium als Ort der sexuellen Verführung imaginiert worden ist, lässt sich besonders gut an Sven Stolpes Roman «Im Wartezimmer des Todes» (1958) zeigen, der in Agra spielt. Der Ich-Erzähler sieht im Turmfenster der Klinik ein junges Mädchen, Gisèle Lefranc, die ihm den Rücken zuwendet. «Sie lehnte sich dort an eine der Seitenwände und sah auf den See; zu meiner Freude hörte ich abermals, wie sie leise summte.» Die beiden kommen ins Gespräch, er macht ihr ein Kompliment, das in seinen Ohren wie eine «plumpe Schmeichelei» klingt: «Ich bin jedesmal glücklich, wenn ich bloss einen Schimmer von Ihnen sehe, Gisèle.». Er trifft die mit ihren schmalen Hüften fast jungenhaft wirkende Gisèle wieder am Gesellschaftsabend des Sanatoriums; zusammen gehen sie in den Laubengang, als sie fröstelt, legt er ihr seinen Smoking über die Schultern. Über das Verbot des Chefarzts Lautensack, dass Ausflüge und Flirts verboten seien, setzen sich die beiden hinweg. Am See, wohin sie sich abgesetzt haben, finden sie per Zufall ein Ruderboot, mit dem sie auf eine Insel übersetzen. Und auch einen gemeinsamen Ausflug mit dem Autobus in die Stadt Lugano, die im Text ungenannt bleibt, lassen sie sich nicht nehmen. Sie gehen in ein Lokal, in dem die Gläser erzittern «unter dem melancholischen Aufheulen und den rhythmischen Schlägen der Jazzmusik». Als sie zu tanzen anfangen, setzen beim Erzähler Gefühlsregungen ein: «Nicht will mich die Musik oder ihr schlanker Körper erregen, obwohl ich schnell und sicher auch diese Freuden spüre. Sondern deshalb, weil ich plötzlich entdecke, dass auch sie endlich nahe daran ist, ihr Gleichgewicht zu verlieren.» Einige (etwas dick aufgetragene) Verwicklungen inklusive des Suizids eines Mitpatienten, der ebenfalls in Gidèle verliebt war, aber aufgrund seiner Krankheit glaubte, ihrer nicht mehr wert zu sein, sind in der Folge zu überstehen, bis der Erzähler an einem «strahlenden Sommertag» in den Zug steigt und wieder nach Norden entschwindet.
Jedoch war der Verromantisierung der Tuberkulose als poetische Krankheit auch Grenzen gesetzt, wie Paul Ehrler in der «Geschichte der Sanatoriums-Frischluft-Liegekur» schreibt: «Unvermittelt auftretende Schleimblasen oder ein Blutsturz führten jeweils die Exkursionen in die Poetik rasch wieder auf den Boden der nüchternen Realität zu-rück.» Somit war die alltägliche Patientenerfahrung im Sanatorium viel weniger von Flirt, sexueller Verführung und Hingabe an ein Ideal als vielmehr von Langeweile bestimmt. Langeweile in der Liegekur, Langeweile im Essen, Langeweile unter den immer gleichen Patienten, die ebenfalls dort waren. Im Tagesablauf wechselten sich aktive und passive Phasen miteinander ab. Streng eingehalten wurden die Zeiten der Liegekur, «Ruhe bis zum Exzess» nannte dies der Chefarzt des «Deutschen Hauses» Erich Picht. Unterbrochen wurden die Ruhezeiten von den regelmässigen und opulenten Mahlzeiten, die, wie von Thomas Mann beschrieben, zu einem festen Bestandteil der Kur gehörten. Mancher Arbeiter bekundete zunächst seine Mühe damit, da sich seine zurückgebliebenen Familienangehörigen oft viel weniger üppig ernährten als er selbst.
Ablenkung vom eintönigen Leben in der «horizontalen Lebenslage» boten Besuche und Vergnügungen wie Karten-, Billard-, und Schachspiel. Zum Zeitvertreib wurden in der Heilstätte in Agra mehrere Arbeitsgruppen gebildet, welche den Tagesablauf strukturierten, darunter Lese- und Handarbeitsgruppen, philosophische Zirkel und die wissenschaftliche Arbeitsgemeinschaft. Letztere organisierte eine Reihe von Vorträgen wie der von Fräulein Semmelroth «Stimmbildung und Sprechtechnik», von Herrn Dr. Doepfner «Lichtbildvortrag über den Gotthardpass» oder von Herr Förster: «Bildfunk und Fernsehen (mit experimenteller Darstellung durch eigene Apparatur)». Auch Vorträge über die Schweiz und das Tessin waren nicht selten, worüber in der «Terrasse» zu lesen war: «Wenn wir in Agra auch vom lebendigen Leben unseres Gastlandes ziemlich weit entfernt sind und eigentlich einen Staat im Staate bilden, so darf man doch wohl annehmen, dass der Deutsche, der in der Schweiz zur Kur weilt, sich für die Geschicke und den Charakter des Landes interessieren und die Zeit seines Aufenthaltes benutzen wird sich darüber zu unterrichten.»
Die Leitung des Sanatoriums unternahm einiges, um der ständig drohenden Degeneration der Kranken entgegenzuwirken. Im Rückblick auf die ersten fünfzehn Jahre des Hauses rekapitulierte sie: «In erfreulichem Masse ist es auch gelungen, das geistige Niveau des Hauses vor einer Verflachung und einer Zauberbergatmosphäre zu bewahren». Besonders Kurt Alexander, Sohn des Chefarzts Hanns Alexander, wollte die Heilstätte nach englischem Vorbild in ein Arbeitssanatorium umwandeln. Sein Ziel war es, die Lethargie zu bekämpfen und mit dem Sanatorium etwas Nützliches zu leisten; die frühere «Kadaverruhe» der Patienten sollte überwunden werden. Nicht zuletzt sollte das Sanatorium und mit ihm auch die Gäste finanziell profitieren können. In der «Terrasse» lässt sich über Monate ein erbitterter Streit über das Arbeitssanatorium verfolgen. Alexander musste seine Idee besonders gegen den auch von vielen Ärzten erhobenen Einwand verteidigen, dass die Kranken gar nicht in der Lage seien, produktive Arbeit zu leisten. Erst müssten sie gesund werden. Auch viele PatientInnen wehrten sich mit Verweis auf ihre angeschlagene Gesundheit gegen die Idee Alexanders.
Das Ergebnis der langandauernden Polemik war klein: die Arbeitsanstalt wurde in Agra zwar eingeführt, jedoch auf Handarbeiten und eine kleine Hühnerzucht beschränkt. Der materielle Erfolg blieb bescheiden, und es beteiligten sich nie sehr viele Gäste an den Tätigkeiten. In den 1930er-Jahren wurde die Idee klammheimlich fallen gelassen, der «Zauberbergatmosphäre» war mit Patientenarbeit nicht beizukommen. Erst mit der Einführung des Penicillins nach dem Zweiten Weltkrieg setzte der Niedergang der Liegekur – und mit ihr des Lungensanatoriums überhaupt – ein. Andere Formen der Kuraufenthalte, namentlich solche mit speziellen Bewegungs- und Ernährungsvorschriften, sind jedoch mit dem heutigen Wellnessboom unvermindert aktuell.